Presse

(Arnd Wesemann in „tanz“ April 2019)

schlingensiefs nachfolger________ 

das erste oberhausener arbeitslosen-ballett 

Der berühmteste Sohn der Ruhrgebietsmetropole Oberhausen heißt Christoph Schlingensief. Der 2010 gestorbene Künstler lud die damals sechs Millionen Arbeitslosen zum Baden ins Urlaubsdomizil von Ex- Bundeskanzler Kohl am Wolfgangsee ein, gründete die Obdachlosenpartei «Chance 2000» und errichtete zu den «Wiener Festwochen» ein Container- dorf für Asylbewerber, die nach dem Vorbild von «Big Brother» durch tägliche Abstimmungen hinauskomplimentiert wurden. Der bekannteste Choreograf der Stadt Oberhausen, Thomas Lehmen, tritt nun in seine Fußstapfen. Lehmen hat die erste aus Arbeitslosen bestehende Tanzkompanie der Republik gegründet. Geprobt wird standesgemäß in einem Jugend- zentrum und im Vereinshaus des CVJM. Dreizehn Mitglieder hat die Truppe zur Zeit, bezahlt wird sie auch, und das ist das Problem für alle Beteiligten. Denn wer als Arbeitslosengeld-2-Bezieher mehr als 100 Euro im Monat einnimmt, darf nur zehn Prozent behalten und muss den Rest ans Jobcenter zurückzahlen. Der Versuch, die Kunstaktion als Fortbildungsmaßnahme zu deklarieren, scheiterte am deutschen Sozialgesetzbuch, weil Kunst nicht vorgesehen ist.

Kurzerhand hat Lehmen seine Arbeitslosen und sonstige zwischen die Stühle gerutschte Teilnehmende zu «göttlichen Wesen» erklärt, die aus ihren tatsächlichen Fähigkeiten – keiner von ihnen ist Tänzer – ihr Bewegungsmaterial entwickeln, um lautstark und tanzwütig ihr großes Problem zu thematisieren: nicht arbeiten zu dürfen. Mit dem Slogan «Brauchse Jobb? Wir machen Tanz!» zeigt der Choreograf den Widerspruch auf zwischen Regelsatz und der Unterbindung künstlerischer Arbeit zum gesetzlich bestimmten Mindestlohn. Diesen staatlich geregelten Widerspruch kann nur das Land NRW lösen: indem es die Truppe künftig finanziert. 

Arnd Wesemann  april 2019___tanz 21

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(NRZ 05.10.2018)   

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 (WAZ 06.08.2018)        

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 (NRZ 31.07.2018)  


© THOMAS LEHMEN 2020